Abschlussreflexion
Paddeltour 28-08-2024
Wieder zurück in München. Die Fahrt fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Irrfahrt an - nicht unbedingt jedoch im negativen Sinne. Uns ging es vielleicht wirklich wie Odysseus: am Anfang voller Abenteuerlust und begeistert von einzelnen Erfahrungen - am Ende aber dann doch voller Sehnsucht nach Zuhause.
Im letzten Eintrag soll es aber nicht um die Rückfahrt gehen, sondern um einen Aspekt, der im Rückblick für uns an dieser Reise sehr neu im Vergleich zur Tandem-Reise war: Wir konnten Plätze im Kajak tauschen! So konnten wir beide einmal die Person sein, die lenken durfte - während Tandems eher antifeministisch so gebaut sind, dass die kleinere Person immer hinten sitzen und sich “lenken lassen” muss. Wie war es nun, die Positionen zu tauschen?
Zunächst aus Sicht von Rafaela:
Im Grunde hatte ich mich bereits damit abgefunden, aber auch Gefallen daran gefunden, mich lenken zu lassen und vielmehr auf die Bewegung selbst zu konzentrieren, um voranzukommen. Das macht eine Fahrt - egal auf welchem Gefährt - vollkommen meditativ (zumindest solange man der lenkenden Person vertraut). Von diesem meditativen Element des Fahrens und Vorankommens spürte ich überhaupt nichts mehr, als ich die Aufgabe des Lenkens innehatte. Auch hatte ich nicht das Gefühl, mehr eins zu sein mit dem Boot - es machte trotzdem größtenteils, was es will (zugegebenermaßen nicht unbedingt die Schuld des Kajaks). Aus meiner Sicht kann man sich den Wechsel - um es in ein etwas positiveres Licht zu rücken - vielleicht vorstellen wie einen Besuch in einer Galerie: Man ruht im Betrachten eines Gemäldes - und plötzlich kommt die Leiterin der Galerie zu einem und sagt: “Mach du das mal - male ein solches Gemälde”. Erst hat man wahrscheinlich überhaupt keine Lust, sich unerwarteterweise auf eine andere Art als bisher anstrengen zu müssen. Dann findet man aber Gefallen daran, selbst gestalten zu dürfen. Der Unterschied zu diesem Vergleich war für mich (der Vollständigkeit halber), dass ich ziemlich schnell genug davon hatte, die Fahrt des Bootes selbst zu gestalten - während mir das eigene Gestalten eines Bildes wahrscheinlich eher immer mehr Spaß gemacht hätte.
Trotzdem zeigt der Vergleich vielleicht zumindest die anfänglichen Eindrücke des Wechsels ganz gut.

Aus Sicht von Pablo:
Die gesamte Tour nach Barcelona habe ich auf dem Tandem vorne gesessen und gelenkt. Wie auch beim Bootsfahren wird die Person, die das Tandem lenkt, offiziell Captain genannt. (Die hintere Person Stoker.) Auch wenn Rafaela sich die gesamte Tour über geweigert hat, mich als Captain anzusprechen, habe ich persönlich diese Bezeichnung für mich durchaus als angemessen empfunden.
Captain sein auf einem Tandem, ist eine wichtige, aber auch ziemlich kräftezehrende Rolle. Zeitgleich muss man ein extrem wackeliges Gefährt in Balance halten, die unerwarteten Bewegungen seines Stokers ausgleichen, vorausschauend schalten, bremsen, lenken, navigieren, den Verkehr beachten, Handzeichen geben und natürlich wenns geht auch noch kräftig treten, Konversation führen, seinen fast blinden Mitfahrer vor kommenden Schlaglöchern warnen und eigentlich ja auch noch die Landschaft genießen.
Die Verantwortung, die man stets für zwei Leben trägt - welche in unübersichtlichen Verkehrssituationen durchaus in realer Gefahr sind - erfordert ein ungemein hohes Maß an Konzentration. Diese über eine halbe Stunde aufrecht zu halten, ist noch gut machbar. Sie jedoch über 10 Stunden auf dem Rad, zwei Wochen am Stück aufrecht zu halten, ist richtig, richtig anstrengend.
Dennoch gebe ich zu: Heimlich war ich auch immer froh, die Rolle nicht hergeben zu müssen. Nicht nur kann man sich so jeden Tag wichtig und kompetent fühlen, sondern man ist auch durchgehend beschäftigt und vom monotonen Treten etwas abgelenkt. Und, der vielleicht wichtigste Punkt für mich: Es ist viel leichter, sich anzustrengen und über sich hinauszuwachsen, wenn man weiß, dass man für jemanden verantwortlich ist, und die Anstrengung für diese andere Person auf sich nimmt.
Den Kontrast dazu habe ich gemerkt, als ich, die zwei Tage in dem Kanu vorne saß, also nichts zu tun hatte, außer etwas paddeln und Galionsfigur spielen. Meine schockierende Erkenntnis: ich wurde viel, viel quengeliger.
Vorab hatte ich mich durchaus gefreut, Rafaela einmal das Kanu lenken zu lassen. Beim Kanufahren geschieht zwar alles deutlich langsamer - wo man beim Radeln oft in Sekundenbruchteilen reagieren muss, um einen Unfall zu vermeiden, vergehen auf der wenig befahrenen Seenplatte eher Minuten zwischen der ersten Sichtung eines anderen Schiffs und dem hypothetischen Kollisionszeitpunkt - und die Rolle des Captains ist damit um ein Vielfaches einfacher, dennoch muss man als Captain immer wachsam bleiben, sich an den Paddelschlag vom Vordermann anpassen, und auch wenn die Sonne einen blendet, den Blick stets nach vorne gerichtet halten.
Ich dachte also, ich würde es richtig genießen, meinen Kopf einmal auszuschalten und mich einfach nur auf den nächsten Paddelschlag konzentrieren zu können. Jedoch: So völlig ohne Kontrolle wurde mir nicht nur super langweilig, ich fühlte auch jegliches aufrichtende Gefühl der Verantwortlichkeit aus mir entweichen und nur noch denken: “Wann sind wir endlich daaaaaaa?”
Für die kurze Zeit konnte ich mich schon noch halbwegs zusammenreißen oder habe mir neue Aufgaben gesucht, wie als Ausgleich doppelt so stark zu paddeln. Mein Grundgefühl aber hat mich zurückkatapultiert in die Zeit, in der ich ein kleines Kind war und mit meinen Eltern wandern gehen musste. Ohne Ahnung, wohin es noch wie lange gehen wird, ohne echte Kontrolle über die Situation, bleibt nichts weiter, als erschöpft den Eltern hinterherzutrotten und sich sehnlichst auf sein Bett zu Hause oder immerhin die Apfelschorle auf der nächsten Hütte zu freuen.